Barbara E. Euler

Kind Frida im Rollstuhl mit ihrem Assistenzhund Fellow

„Für einen Hund ist sein Gegenüber immer vollkommen“

VITA e.V. Assistenzhunde (VITA) ist ein gemeinnütziger Verein, der Menschen mit körperlicher Behinderung einen Assistenzhund zur Seite stellt und ihnen so zu mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität verhilft. Youlife.Rocks sprach mit Diplom-Sozialpädagogin und Assistenzhunde-Ausbilderin Tatjana Kreidler, die den Verein im Jahr 2000 gegründet hat.

Youlife.Rocks: Frau Kreidler, was macht Ihre Hunde zu so wertvollen Partnern für Menschen mit Behinderung?

Tatjana Kreidler: Das fängt schon bei der Auswahl der Welpen an. Wir suchen sie nach ihrem Wesen und der Gesundheit der Elterntiere aus und machen spezielle Welpentests. All unsere Hunde sind Golden oder Labrador Retriever, Rassen mit sehr ausgeglichenem Temperament, die auch als Rettungshunde eingesetzt werden und ein natürliches Bestreben haben, ihrem Menschen zu gefallen. Wir bilden sie umfassend aus und betreuen sie ihr ganzes Leben lang. Das erste Jahr verbringen sie bei ausgewählten Partnern, die sie spielerisch an ihre Umwelt heranführen. Danach werden sie sechs bis zehn Monate ausgebildet. Erst lernen sie die Basics, die jeder Assistenzhund können muss, wie Türen öffnen oder Gegenstände bringen. Dann kommen die speziellen Aufgaben, die sie für ihren Menschen erfüllen müssen. Die zertifizierte Vollmitgliedschaft in den Organisationen Assistance Dogs International und Assistance Dogs Europe belegt die anerkannt hohen Qualitätsstandards unserer Arbeit – selbstverständlich auch was das Wohlergehen der Hunde betrifft. Denn nur ein glücklicher Hund kann seinen Menschen unterstützen und ihm helfen. Und natürlich dürfen unsere Hunde auch ganz viel spielen und toben!

Youlife.Rocks: Ein harmonisches Team – wie erreichen Sie das?

Tatjana Kreidler: Wir bilden unsere Assistenzhunde nach der Kreidler-Methode aus, einer speziell von mir entwickelten Ausbildungsform. Dazu gehören neben der richtigen Auswahl der Welpen und der positiven, hundgerechten Aufzucht und Ausbildung, von der ich schon sprach, auch das richtige Matching von Mensch und Hund und die fachgerechte Zusammenführung, bei der der Aufbau einer engen, harmonischen Beziehung sowie die Anleitung zum „richtigen“ Umgang mit dem Hund von großer Bedeutung sind. Besonders wichtig ist bei VITA die sozialtherapeutische Nachbetreuung unserer Teams, die ein Hundeleben lang und darüber hinaus währt. Mit der Ausbildung unserer Kinderteams haben wir auf dem europäischen Festland echte Pionierarbeit geleistet. Früher hat man Hunden und Kindern einfach nicht zugetraut, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Heute weiß man es besser! Und es ist immer wieder fantastisch, zu sehen, wie das klappt. So wie bei der kleinen Rollstuhlfahrerin Nora und der Labrador-Hündin Zoe, die wir trotz Corona im letzten Sommer zusammenbringen konnten – rechtzeitig zu Noras Einschulung! Nora hat schnell gelernt, Verantwortung für ihre treue Hundefreundin zu übernehmen, und die Partnerschaft ist ein enormer Mehrwert für die ganze Familie. Aber unsere Hunde helfen auch Erwachsenen. Sogar für Menschen mit Alzheimer sind sie eine große Stütze. Für einen Hund ist sein Gegenüber immer vollkommen. Seine Zuneigung ist unvoreingenommen, ehrlich und bedingungslos. Damit erfüllt er die ganz ursprüngliche Sehnsucht nach Nähe, Wärme, Trost, Zärtlichkeit, Bestätigung und Anerkennung. Und er schafft ganz spielerisch eine Verbindung zu anderen Menschen!

Youlife.Rocks: Ist das alles für die betreffenden Menschen überhaupt bezahlbar?

Tatjana Kreidler: Die Ausbildung eines Assistenzhundes kostet im Durchschnitt 25 000 Euro – in der Tat eine Summe, die kaum einer unserer Bewerber aufbringen kann. VITA erhält keine öffentlichen Fördermittel und auch die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren. Prominente Unterstützer wie unsere Schirmherrin Dunja Hayali stärken uns den Rücken und motivieren Spender. Jede Spende hilft VITA, noch zahlreichen Kindern und Erwachsenen den Wunsch nach einem Helfer auf vier Pfoten zu erfüllen.

 

 

Was denkst Du über Begleithunde? Schreib uns einfach unten, ob und für was Du gerne einen Begleithund hättest!

Hier gibt es mehr Info zu Vita

Das Interview für YouLife.Rocks führte unsere Barbara

Kommentare

Alexander

  • Admin
  • A
  • Team Member
  • T

Passt zum Bericht 🤣Cartoon: Hund schaut auf hässliche Frau mit voller Liebe

Dieser Artikel könnte dir auch gefallen...

Paar er im Rollstuhl auf einem Baumwipfelpfad an der Saarschleife

DZT-Tag des barrierefreien Tourismus thematisiert Reisen in Zeiten der Pandemie

Ihren ‚Tag des barrierefreien Tourismus‘ veranstaltet die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) 2021 als barrierefreies Meeting im virtuellen Raum. Dadurch haben über den Kreis der ITB-Teilnehmer hinaus erstmals Experten und Interessierte in aller Welt die Möglichkeit, live an der Fachveranstaltung teilzunehmen. Zugleich können Gebärden-, Schrift- und Simultandolmetscher direkt integriert werden.
Autorin Barbara E. Euler zeigt ihren Brügge-Krimi "Raphaels Rückkehr"

Der Rollstuhlfahrer aus dem Supermarkt und was dann geschah

Da war dieser Kunde in einem Supermarkt in Brügge. Ich bin oft in Brügge. Ich liebe diese Stadt, mehr als alle anderen, seit ich vor über 30 Jahren mit meinem Mann, der aus Brügge stammt, das erste Mal herkam. Jetzt also dieser Kunde. Er fällt auf. Ein Berg von einem Mann, breite Arme, heftig tätowiert. Komm mir bloß nicht zu nahe, sagt irgendwas an ihm. Aber er sitzt im Rollstuhl.
Bild zeigt: ein Frau hält eine Tür auf

EINE TÜR FÜR EINEN ROLLSTUHLFAHRER ZU HALTEN: WARUM DAS NETTE FÜR DEN EINEN - DAS ÄRGERNIS DES ANDEREN SEIN KANN

Um einiges Vorweg zu kommen - füge ich dieses Vorwort hinzu. Dieser Artikel bezieht sich NICHT nur auf das Thema "DIE TÜRE FÜR ANDERE AUFHALTEN". Es geht um das Gesamtbild der geringen Erwartungen an die Kompetenz, die an Menschen mit Behinderungen gestellt werden. Es geht darum, die Menschen dazu zu bringen, über das gesellschaftliche Konzept des wohlwollenden Ableismus*, über Stereotypen und Annahmen nachzudenken, ohne sich die Zeit für Echtzeit-Bewertungen und Evaluierungen zu nehmen. Mit anderen Worten, es geht nicht darum, ob man Türen offen hält oder nicht, es geht nicht darum, ob man sie gerne gehalten hat oder nicht. Es geht nicht um SIE. Es ist ein Kommentar dazu, wie die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen sieht