Ansicht auf das Gebäude von aussen

Familienherberge Lebensweg: „Die Solidarität ist enorm“

Ein Dreiseithof am Rand der idyllischen 1000-Einwohner-Gemeinde Illingen-Schützingen im baden-württembergischen Enzkreis – ein Ort, wie geschaffen für entspannte Auszeiten vom Alltag. Hier in der Familienherberge Lebensweg schöpfen Familien mit behinderten Kindern neue Kraft. Initiiert hat das alles die engagierte Kinderkrankenschwester Karin Eckstein.

Ihr Konzept ist etwas ganz Besonderes. Kurz zusammengefasst: Was bietet die Familienherberge Lebensweg?

Seit Mai 2018 unterstützen wir schwerstkranke und / oder behinderte Kinder und deren Familien mit pflegegerecht ausgestatteten Kurzzeitwohnplätzen und einer professionellen und fürsorglichen Rundum-Betreuung durch Fachpersonal. Wir legen großen Wert auf Geborgenheit und eine herzliche Atmosphäre und verstehen uns als Ort der Entspannung, Besinnung und Begegnung für die gesamte Familie. Unser bedarfsorientiertes Konzept ist in Süddeutschland einzigartig. Die Angehörigen selbst entscheiden, in welchem Umfang sie die Pflege ihres Kindes in die Hände unseres engagierten Pflege-Teams legen. Frei nach dem Motto: Alles kann, nichts muss. Dazu bieten wir pädagogische Begleitung sowie Kreativ- und Meditativprogramme. Man kann aber auch einfach mal nichts tun!

 

Wie viele Familien können Sie aufnehmen?

Wir sind ein kleines Hotel mit Vollpension mit einem Pflegebereich für zehn Familien. Die Zimmer im Pflegebereich liegen ebenerdig zum Garten hin. Sie sind mit hochwertigen Pflegebetten sowie behindertengerechtem Bad und WC und Notrufanlage ausgestattet. Außerdem haben wir ein Pflege- und Wellnessbad mit Liftsystem. Eltern und Geschwister können in unseren gut ausgestatteten Angehörigenzimmern Quartier beziehen, ebenfalls behindertengerecht und mit eigenem Bad

Und wie geht das jetzt mit Corona?

Wir hatten mehrmals kurz geschlossen, leider auch über die Weihnachtstage und Silvester.

Aber die Anfragen der Eltern waren sehr dringlich, weil sie durch Quarantäne, Homeoffice, Kurzarbeit oder Home-Schooling kräftemäßig am Anschlag sind. Oft kommt in diesen unsicheren Zeiten auch kein Pflegedienst oder die Eltern lassen keinen zu, aus Sorge vor Ansteckung ihrer Kinder. Seit Januar haben wir wieder geöffnet, unter strengen Hygieneregeln und mit Eins-zu-eins-Betreuung im Pflegebereich. Das bedeutet: ein Drittel Belegung bei gleicher Personalkapazität.

Da laufen enorme Kosten auf, noch mehr als in normalen Zeiten. Ist ein Aufenthalt bei Ihnen nicht unglaublich teuer?

Eine 24-Stunden-Betreuung ist schon kostenintensiv. Aber die Eltern müssen dafür nichts bezahlen, obwohl die Erstattungen von den öffentlichen Stellen für die Pflegeleistungen im allgemeinen nicht kostendeckend sind und wir keinem Träger oder Dachverband angeschlossen sind. Wir finanzieren uns zum großen Teil aus Spenden, Zuwendungen aus Stiftungen und Mitgliedsbeiträgen. Familienangehörige zahlen lediglich Kost und Logis, denn auch die Angebote für die Eltern und Geschwister werden durch Spenden finanziert. Auch wer die Kosten nicht aufbringen kann, wird nicht einfach abgewiesen, wir helfen im Umgang mit den Behörden und suchen immer einen Weg. Niemand wird einfach abgewiesen! Selbst im schwierigen letzten Jahr konnten wir auf zahlreiche Spender bauen. Die Solidarität war enorm! Für dieses Jahr sind wir sehr gespannt, wie es weitergeht. Viele unserer Förderer leiden selbst unter der Krise. Momentan werden wir bezüglich eines Inklusionsprojektes auch durch das Ministerium für Soziales und Integration aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg unterstützt. Leider können wir dieses Projekt auch aufgrund von Corona gerade nur sehr schleppend umsetzen. Aber das schaffen wir auch noch!

 

Ein wirklich bahnbrechendes Konzept. Wie hat das alles eigentlich angefangen?

Während meiner Tätigkeit als ambulante Kinderkrankenschwester lernte ich viele Familien kennen, die mit der Pflege ihres kranken Kindes immer wieder an die Grenzen der Belastbarkeit stießen. Es gab für diesen Bedarf keine passende Einrichtung im ganzen süddeutschen Raum. Nach vielen Recherchen und Gesprächen mit bestehenden Einrichtungen und betroffenen Eltern entstand mein Konzept. Es überzeugte auch meine Eltern, die damals gerade überlegten, was einmal mit ihrem Bauernhof geschehen sollte, und noch miterleben wollten, wie es mit dem Anwesen weitergeht. Es zu einer Familienherberge zu machen, war für sie sehr stimmig. Wir haben schon immer ein offenes Elternhaus. Und sehr großzügige Eltern. Geld ist für uns zweitrangig. So kam es dass die Eltern uns fünf Geschwistern den größten Teil des Grundstückes schenkten, den wir dann als Startkapital in die gemeinnützige GmbH einbrachten. Die Eltern wohnen bis heute in ihrem Haus auf dem Hof und haben die ganze Entwicklung miterlebt. Das ist für uns alle sehr schön.

Ihr habt mehr Themen zu Familien mit schwerstkranken und / oder behinderten Kindern?

Hier könnt Ihr Euch in der Gruppe austauschen Familien mit schwerstkranken und / oder behinderten Kindern

Interview im Magazin EURE ERLEBNISSE - Exclusiv für Youlife.Rocks (Link zur Quelle)
Geschrieben für Youlife.Rocks (Link zur Quelle)
Mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers

Quellenhinweise Bilder

1.           Außenansicht im Schnee: Herr Willi Kraut / privat

2.           Bilder Karin Eckstein + Außenaufnahmen ohne Schnee: © 2007-2019 Markus Schultz / kreativmodus.de

3.           Bilder Innenaufnahmen: Michael Karl – MKKD / www.mkkd-online.de