Barbara E. Euler

Indien Handbiker Spricht  mit 2 Mädchen während des Fahrens

„Man muss den Leuten die Berührungsängste nehmen“

Querschnittslähmung mit 23, den Beruf aufgeben müssen und dazu alle Ideen, die man bisher vom Leben hatte – nur wenige würden das als zweite Chance begreifen. Andreas Pröve, Jahrgang 1957, ist so jemand. Seit einem Motorradunfall 1981 sitzt der gelernte Tischer und Technische Zeichner im Rollstuhl. „Ich konnte nochmal von vorne anfangen“, beschreibt es der sympathische Niedersachse mit dem schelmischen Lächeln, „Auch wenn ich das am Anfang nicht so gesehen habe.“ Rund 25 Abenteuerreisen, fünf Bestseller, gut 2300 packende Vorträge und um die 30 TV-Interviews später kann man sagen: Der Neustart war ein voller Erfolg. Heute ist Andreas Pröve eines der bekanntesten deutschen Experten rund um Rollstuhl, Reisen und Reportagen, ein sozial engagierter Menschenfreund und überzeugender Mutmacher. Mit Youlife sprach er über sein abenteuerliches Leben.

China, Indien, Myanmar, Jordanien … Sie haben auf Ihren Reisen durch Asien und den Orient gezeigt, dass Sie ganz gut ohne Barrierefreiheit im klassischen Sinne auskommen können. Waren Sie dennoch einmal in einer richtig ausweglosen Lage?

Ich bin jetzt seit fast 40 Jahren im Rollstuhl und hab viel erlebt. Aber einmal schien es wirklich ausweglos. Ich war unterwegs zur Quelle des Mekong, es war drei oder vier Tage vor dem Ziel. Ich fuhr eine Straße entlang durch das tibetanische Hochland, allein. Laut Karte sollte alle paar Kilometer ein Gehöft kommen. Ich hatte damit gerechnet, dort übernachten zu können. Das hatte ich schon gemacht, da wird niemand abgewiesen. Aber es kam kein Haus. Es war um die null Grad, es regnete und schneite. Es kam auch kein Auto. Und ich hatte noch eine Stunde bis zum Dunkelwerden. Ich hatte kein Zelt dabei, das wäre zuviel Gepäck gewesen. Nur einen Schlafsack und eine dünne Plastikplane. Ich habe dann neben der Straße im Schneematsch übernachtet, unter der Plane, die am Handbike und am Boden befestigt war. Ich lag da mit aufgeklapptem Schweizer Messer in der Hand. Es gibt dort Wölfe und Yaks. Und Verbrecher. Aber es kam niemand. Ich bin jeden Tod gestorben. Der Wind konnte drehen und mir meine Behausung zerpflücken. Wenn etwas so ausweglos erscheint, muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Zusehen, dass man es überlebt. Und daran denken, dass es nur eine Nacht ist und danach wieder der Morgen kommt.

Sie haben mal gesagt, Sie reisen gern in überbevölkerte Länder, weil da immer jemand da ist, der Ihnen hilft. Aber die Menge allein macht's nicht. Wie gewinnen Sie Menschen der verschiedensten Mentalitäten zur Kooperation?

Ich versuche immer, mich in die Situation der Menschen hineinzuversetzen. In der Rush Hour, wenn sie zur Arbeit müssen, kann ich an der Bushaltestelle keine große Hilfsbereitschaft erwarten. Wenn es ruhiger ist, funktioniert das eher. Es ist auch nicht so, dass Menschen automatisch Hilfe anbieten, wenn sie einen sehen. Man muss den Leuten die Berührungsängste nehmen: Selbst die Initiative ergreifen und sagen, was man will! Eins ist klar: Alles dauert länger. Damit rechne ich schon. Man kann die Reiseroute nicht so planen wie ein Fußgänger. Ich gehe schon mit der Einstellung ran: Vielleicht wird das heute gar nichts. Nach ein paar Jahren bekam ich ein Gefühl dafür, wer mir helfen würde. Ich gucke mir die Leute an. Es müssen Leute mit leichtem Gepäck sein. Oft sind die Leute auch nicht sehr kräftig. Wenn ich in den Bus will, brauche ich zwei bis vier Leute die mir reinhelfen. Wenn ich die Sprache nicht kann, muss ich Handzeichen geben. Zur Not führe ich einfach die Hand an die Griffe des Rollstuhls. Das versteht dann jeder. Heute sieht jeder, dass ich nicht laufen kann. Früher kannten sie kein Handbike und dachten, ich sitze da zum Spaß drin. Auch wichtig: Die Leute müssen aufgeschlossen schauen. Als ich das erste Mal in China war, 1986, war es extrem schwer, Leute zu finden. Die haben immer weggeschaut. Hatten Angst, dass ein Spitzel sie sieht. Vor drei Jahren war es ganz anders. Heute sind Kontakte zu Westlern kein Problem. In Indien sind die Sikhs sehr hilfsbereit. Sie haben kein Kastensystem und sind aufgeschlossen. Und sie sind kräftig gebaut! In Indien habe ich irgendwann gar nicht mehr die Leute angeschaut, sondern einfach nur nach Turbanen gesucht.

 

Was war das schönste Erlebnis auf Ihren Reisen? Und wo wollen Sie unbedingt nochmal hin?

Momente, wo ich absolut happy war – ja, das passiert, wenn man sein Ziel erreicht hat! Ich war an den Quellen von Ganges, Mekong und – als erster Rollstuhlfahrer überhaupt – Jangtze, alles im tibetischen Hochland. Da gibt es keine Wege und ich hatte viele Helfer. Dort am Gletscher zu stehen, das waren die glücklichsten Momente, davon zehre ich heute noch. Da hat man das ganze Leben was davon! Noch nicht so ausgiebig gesehen habe ich den Iran, das alte Persien. Da hatte ich tolle Erlebnisse mit den Menschen. Ich wurde immer wieder eingeladen – ohne dass man mir einen Teppich verkaufen wollte! Diese Freude, einen Gast aufzunehmen, ist unglaublich! So lernt man das Land wirklich kennen. Ich bereise Länder wegen der Menschen und der Kultur. Der Iran ist ein kulturreiches Land mit einer schönen Landschaft. In meiner Jugend hatte ich die Märchen aus 1001 Nacht gelesen. Alles was in den Märchen beschrieben wurde, habe ich gesehen! Ich bin über Bazare gebummelt und habe fast tropisches Klima erlebt.

Sie engagieren sich für benachteiligte Kinder, zum Beispiel für ein Projekt für behinderte Kinder in Kenia oder mit einem Spendenlauf für Kinder in Indien. Erzählen Sie davon!

Vor ungefähr zehn Jahren war ich im Auftrag von terre des hommes auf Recherchereise zum Thema Kinderarbeit in Indien. Dass die mich als Rollstuhlfahrer beauftragten, gab mir einen guten Schub Selbstvertrauen und ich wollte es wirklich gut machen! Ich besuchte auch das südindische Kerala. Eigentlich ein wohlhabender Bundesstaat. Aber ich traf dort auf Kastenlose, die in den Berge leben. Sie wohnen unter Plastikplanen und haben nicht das Geld, um die Kinder in die Schule zu schicken. Außerdem ist die Schule weit weg und der Weg dorthin gefährlich. Zuhause in meinem Dorf Wathlingen habe ich dann an der Schule einen Spendenlauf initiiert. Pro Runde auf dem Sportplatz wurde Geld gespendet. Die Schüler sind gerannt wie nie, es sind 11000 Euro zusammengekommen! Die Kinder konnten zur Schule  gehen, es wurden  Häuser gebaut und die gefährlichen Stellen des Schulwegs sicherer gemacht. Er heißt jetzt „Wathlingen School Way“. Später recherchierte ich im Auftrag von terre des hommes über Kinderprostitution in Thailand und die Aufklärungsarbeit, die die Organisation dort leistet. Momentan unterstütze ich das Projekt eines Freundes in Kenia. Dort werden behinderte Neugeborene noch immer einfach am Straßenrand ausgesetzt, weil sie Unglück bringen. Durch das Projekt wird für sie jetzt ein Internat gebaut, das Rainbow Children Center. https://rainbow-children-center.org/

Sie sprechen auch vor frisch Verunfallten und geben ihnen neuen Mut. Was hilft in so einer Lage am meisten? Und was ganz und gar nicht?

Zu Anfang meiner Karriere als Vortragsreferent war ich vor allem in Kliniken. Nach der Gesundheitsreform hatten die Kliniken kein Geld mehr für Honorare. Aber manchmal gewinnen Kliniken Pharma- oder Hilfsmittelfirmen als Sponsor. Wenn ich mit frisch Verunfallten spreche, hilft es auf keinen Fall, mich als großen Helden hinzustellen. Wer gerade erfahren hat, dass er für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzt, hält solche Reisen für utopisch. Manche glauben mir gar nicht! Meine Message: Dass jeder versucht, selbst seine Grenzen zu überschreiten oder an seine Grenzen zu kommen. Rausgehen! Nicht zu Hause sitzen bleiben! Dass man versucht, Wünsche zu realisieren und das Leben glücklich zu gestalten. Das funktioniert bei allen! Noch heute kontaktieren mich Menschen von vor 30 Jahren und sagen: Ich hab damals deinen Vortrag gesehen und das hat mir sehr geholfen.

 

Myanmar: Andreas erklärt 2 Frauen in örtlichen Trachten was er gerade fotografiert hat
Im schnee auf einem Berg im Zelt wird übernachtet, der Rollstuhl steht daneben
Andreas auf eine Passstrasse im Gebirge
Anreas mit denm Handbike auf einer Wüstenstrasse
Auf einem Kanu in Borneo der Rollstuhl steht davor
Auf einem Ritschka in Indien der Rollstuhl ist hinten drauf geschnallt
Am Strand in der nierigsten Gangart - krichen der Rollstuhl steht alleine
Im Beduinenzelt der Rollstuhl daneben

Wäre das was für Dich, solche Abenteuer zu erleben?

Du hast Fragen an Andreas? Da findest Du Ihn hier auf seinem Youlife.Rocks-Profil.

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